…auf hohem Niveau

Juli 8, 2007

Neulich in der Bibliothek gehe ich in die Zeitschriftenecke und lasse meinen Blick schweifen über die auf dem Regal versammelten Hefte. Da fällt mein Blick auf den Stern vom 6. Juni. Auf dem Titelblatt (Tittelblatt, haha) eine nackte Frau auf einem überdimensionalen schwarzen Ledersessel, die blendend weißen Beine gespreizt, eine schwere Diamantenkette um den Hals. Ihren Arm hat sie über ihr Gesicht gelegt. Ja was denn, denke ich, seit wann schämen sich die Frauen auf dem Stern-Titel ihrer Nacktheit? Und warum denn auch; ist doch alles total ästhetisch und superschön und sexy und politisch vollkommen correct.

Aber nicht in diesem Heft: Käuflicher Sex auf hohem Niveau - lautet die Schlagzeile, - ESCORT SERVICE - Warum Frauen diesen Job machen -was Männer daran fasziniert 

Liebe Jungs vom Stern, das sind schon mal zwei Fragen die man sich selbst beantworten kann. Aber natürlich kann der geneigte Leser an dieser Stelle schon gar nicht mehr an sich halten (vor Brechreiz oder Notgeilheit, je nachdem) und hat sich schon hinein gewühlt in die Fotostrecke, äh, den Artikel, für den der Titel nicht zu viel verspricht.

Der Artikel selbst  zeigt die Damen vollkommen nackt auf und über Möbel drapiert nebst ihrer Setcard, die so heißt wie bei Modelagenturen und wohl die Harmlosigkeit ihrer Tätigkeit unterstreichen soll. Wären da nicht außer Gewicht und Körbchengröße noch die sogenannten Specials angegeben. Das liest sich wie im Tierheim (was kann es denn, das Tierchen?) und soll potentiellen Kunden ihre Eigenschaften als mietbares Dingens anpreisen.

Und das obwohl es hier laut Stern darum geht, den Kunden “ins Restaurant, ins Theater [!!] - und - [wait for it] - ins Bett” zu begleiten, steht das Bett erst an dritter Stelle - denn hier ist alles niveauvoll und kultiviert und hat gar nichts mit Zuhältern, Nutten und Freiern zu tun: Anders als im Bordell ist Küssen erlaubt, sogar erwünscht. Das hört sich doch harmlos und schnuckelig an.

Über 14 Seiten räkeln sich splitterfasernackte Frauen die “mehr bieten als nur Sex” schließlich sind sie gebildet und so für mehr gerüstet als nur für’s Bett. Das internationale Parkett nämlich ist es, wofür ihre Kunden sie brauchen. Aber gegen’s Bett haben sie natürlich nichts, diese Vollblutweiber. Im Gegenteil, wenn die glatt rasierte Studentin Amelie 250 Euro und ein Gucci-Handtäschchen bekommt, freut sie sich so sehr dass sie gerne in sanfte Fesselspiele mit wildfremden Männern einwilligt.                   

“Superschick” geht es zu auf diesen Dates, “irre Abende” können die Mädels erleben, und das alles weil die Männer auf der Suche nach Nähe, Wärme, Zärtlichkeit [!] sind - denn ihre Ehefrauen sind kalt und zugeknöpft. Ich dachte es mir auch schon, hier kann es nur um Nähe und Wärme gehen, wo man auf Setcards gleich Speisekarten die Damen, die Rollenspiele, die gewünschten Körperöffnungen, auswählen kann.

Wenn ab und zu eine Frau ihrem Mann mal einen blasen würde, liefen viele Ehen auch besser, teilt uns die Assistenzärztin Alexa mit, die in ihrer Freizeit NäheWärmeZärtlichkeit für 370 Euro die Stunde austeilt. Ja, an dieser Stelle schmunzelt der Stern-Leser vermutlich ein bißchen in sich hinein, denn das ist ja altbekannt, dass Männer nicht so komplex strukturiert (O-Ton Alexa) sind und hauptsächlich Blowjobs wollen, und  es allen besser ginge wenn Frauen mal nicht so zimperlich wären.

Stern-Autor Götting hat dem Ganzen aber auch gar nichts Kritisches oder auch nur halbwegs Intelligentes hinzuzufügen. Einige Kostproben von Göttings Werk:

Sie hat sich Maria-Magdalena als Künstlernamen ausgesucht, weil sie ja ein smartes Mädchen ist, 23, Studentin, mit einer Menge schmutziger Fantasie in ihrem niedlichen Kopf.

…dass sie eh ein bisschen nymphoman sei. “Jetzt krieg ich sogar Geld dafür - ist doch super!” Maria Magdalena sieht sehr ausgeglichen aus.

Da sitzt eine charmante, gebildete Frau, die so tut, als wolle sie erobert werden. Und genau das will sie auch. [!!]

Den wenigsten geht es allein um das Geld.

Dies hier sei eine Übergangsphase im Leben, behauptet Alexa. “Natürlich will ich irgendwann [...] einen Mann, Kinder. Ich glaube ja wirklich an diese alten Werte.”  Ganz herzerwärmend ist das.

Schon genug? Stern-Reporter Markus Götting hat im Editorial seines Chefs Thomas Osterkorn, der die Hälfte seines Textes dem Wahnsinnsscoop über die Edelnutten widmet, noch einiges Unbedarfte nachzureichen : “Ich war doch erstaunt, was für intelligente Frauen das sind und mit welcher Abgeklärtheit sie über ihren Job sprechen“, sagt Götting.” Ach was, intelligent sind die? Klar, sind ja auch Studentin, angehende Pilotin oder Assistenzärztin.       

Da werden den Frauen heutzutage alle Möglichkeiten gegeben, es im Leben zu etwas zu bringen, eine Ausbildung zu erhalten, und trotz alledem wollen sie nichts lieber als Nutten sein für reiche Männer! Quod est demonstrandum. So sind sie halt, die Weiber.

Weiterhin werden wir informiert: [Göttings] Frau hatte ihm - wie in einem aktuellen Werbespot für Bier - aufgetragen: “Nur gucken, nicht anfassen!” - ist ja super lustig!Da muss die Ehefrau aber gar keine Angst vor haben -  Könnte er sich gar nicht leisten, eine derart niveauvolle Begleiterin.                                                                            Das Allerbeste verrät uns Herr Osterkorn zum Schluß: “Der Aktfotograf [...] hatte wenig Mühe, die Damen in Szene zu setzen. Auch als Models vor der Kamera verhielten sie sich absolut professionell.”  Nee klar, da reicht auch die Fantasie des Lesers hin: die sind sicher nicht zimperlich und ziehen sich vor der Kamera aus, ohne dass man lange reden muss.

Gab sicher ’ne nette Auflagensteigerung, bei so einer scharfen Titelgeschichte. Nun könnte man argumentieren, dass man nicht zuviel verlangen sollte vom Stern, dass man mit völlig verkehrten Vorstellungen an so ein Heft rangeht, wenn man ein bißchen Intelligenz und Reflexion erwartet. Und ich habe das Heft eigentlich noch nie richtig gelesen. Aber BILDzeitungsniveau hätte ich nicht erwartet. Ist zwar mehr Text dabei bei der Geschichte als BILD ihr zugestanden hätte, aber der Inhalt unterscheidet sich nicht groß von dem was Herr Diekmann und seine Freunde sonst so raushauen.  Außerdem sind da ja die scharfen Fotos mit den ästhetischen Frauen, die einen für den langen Text entschädigen.

One Response to “…auf hohem Niveau”

  1. looza Says:

    Ja, der Stern ist bei sowas schon immer vorn dabei.

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